Die Hexe aus dem Zauberwald

Vor gar nicht so langer Zeit und ganz in der Nähe gab es einen Zauberwald.
Der Wald an sich war gar nicht so ungewöhnlich, er hatte nur die Fähigkeit niemanden rein zu lassen.
Drin aber schien er ziemlich normal. Naja, bis auf die Hexe die darin wohnte. Und die hatte eine Tochter.
Die Hexe war eine gute Heilkundige, und wenn sie in der Stadt auf dem Markt war, um dort ihre Kräuter zu verkaufen, und gegen Lebensmittel einzutauschen, dann baten sie viele Leute um Rat. „Ich habe hier am Rücken Schmerzen, meine Hände sind immer so rissig, aber auch, was kannst Du mir geben, damit der Mann, den ich verehre mich liebt.“ Für all diese Dinge, Krankheiten des Körpers, des Herzens wusste sie ein Mittel. So war sie überall bekannt, und gern gesehen.
Nein, der letzte Teil stimmt leider nicht.
Es war mehr so, dass man sie zwar brauchte, aber sehen wollte sie niemand.
Sie hatte nämlich eine Eigenschaft, eine Art, die niemanden gefiel.
Sie machte sich einen Spaß daraus, und mixte in ihre Zaubertränke immer ein Zusatzmittel hinein, das leider immer schreckliche Nebenwirkungen erzeugte.
Einmal gab sie einer Frau einen Kräutertrank gegen Gicht,  die hatte so Schmerzen in ihren Fingern, und der Trank half auch gegen diese Schmerzen, aber immer wenn die Frau davon trank fielen ihr alle Haare aus, und sie traute sich nicht mehr auf die Straße.
Einer jungen Frau gab sie einen Liebestrank, den sie ihrem Angebeteten verabreichte, der sie dann zu lieben begann, aber einen großen Furunkel auf der Stirn bekam.
Und es war gewiss, dass jeder Trank, den die Hexe braute irgendeine Nebenwirkung hatte.
Sie hatte das Wissen, die Macht, und nützte dieses immer aus.
So wussten die Menschen zwar, dass ihnen geholfen werden kann, aber doch auch eine Schattenseite dabei war.
Die Hexe lebte alleine mit ihrer Tochter in diesem Zauberwald, und sie war so gemein, in ihrem ganzen Wesen, dass sie aus Spaß ihrer Tochter nie einen Namen gab.
Sie wuchs heran, und ich kann Euch sagen, gleich vorweg, sie wurde nicht so bösartig wie ihre Mutter.
Im Gegenteil sie war das, was man ein gehorsames Mädchen nannte, half ihrer Mutter wo es nur ging, sammelte mit ihr Kräuter und Beeren, und lernte dabei die Kräuterkunde von klein auf an.
Die Gemeinheiten der Mutter waren für sie normal, sie kannte ja nichts anderes, ja sie hatte nicht einmal das Verlangen danach, sich dagegen zu wehren. Sie kannte niemanden, außer ihrer Mutter.

Nehmt einmal an, Ihr bekommt eine Ausbildung die fast 20 Jahre dauert. Glaubt Ihr, dass man da viel lernen kann?
Ja, und das war noch nicht alles, sie hatte so ein gutes Herz, und besonders das Gefühl, das Verständnis für all die Kräuter, Säfte, Beeren, und Wurzeln, dass ihre Mutter ihr bald nichts Neues mehr beibringen konnte.
Irgendwie schien diese Zeit auch zu passen, denn die Hexe wurde krank. Ganz langsam, sie merkte es erst nicht, aber immer wieder vergaß sie Dinge, und ihre Tochter war froh, mit  ihrem erlernten Wissen helfen zu können.  Die Hexe wurde langsam schwächer, so dass sie immer weniger in die Stadt kam. Wenn sie nach längerer Zeit dort dann auftauchte, war es lange nicht mehr so, dass die Menschen sie um Rat fragten. Man hatte sich anderweitig umgesehen, denn sie war ja nur noch selten da, die Krankheiten und Wehwechen blieben aber.  Ein Mediziner aus der Nachbarstadt kam immer öfter und in regelmäßigen Abständen, und versuchte zu lindern, wo es ging.
Natürlich hatte er nur sein studiertes Wissen, und konnte sich die Leiden anhören. Zuhören ist ja bekanntlich auch schon eine große Medizin. Und seine Medikamente hatten gewiss nicht diese Nebenwirkungen, die die Kräuter der Hexe verursachten.
Aber einen Liebestrank, oder einen Trank, der stark machte, konnte er nicht herbeizaubern.
Die Hexe aber kam immer seltener, und schon bald glaubten die Menschen, sie würde das letzte Mal da sein.  Auch wenn sie ihnen immer diese Nebenwirkungen eingebrockt hatte, so ließen sie Ihr immer genug Lebensmittel zukommen.  Sie wurde trotzdem immer griesgrämiger, und bei ihrem letzten Besuch in der Stadt kam es zu einem Streit, weil irgendein Bauer ihr in einem großen Korb Äpfel einen eingedellten Apfel gegeben hatte. Sie war darüber so erbost, ob wohl es von dem Bauern keine Absicht war, warf sie ihm den ganzen Korb vor die Füße und verschwand aus der Stadt.
Ihre Tochter konnte Ihre Laune auch nicht verbessern, und so musste sie all die Stimmungen der Hexe ertragen.  Erst fing es mit einem Husten an, der sie immer länger im Haus zurückhielt. Es kam immer öfter dazu, dass sie ihre Tochter in den Wald schickte, um frische Kräuter zu sammeln, und ganz nebenbei ließ sie dann Kräuter gegen ihren Husten suchen. Salbeiblätter, Pfefferminze, aber auch Lindenblüten, und das Harz der Tannen. Aber es wurde und wurde nicht besser. Es war dann an der Zeit für sie, auch Mittel zur Beruhigung zu nehmen, um den Körper zu entspannen. Baldrian und jede Menge Walderdbeeren, die ihr das bisschen Leben noch versüßen sollten. Naja, wie Ihr Euch denken könnt, ist sie eines Nachts dann gestorben. Bis zum Schluss hat sie Ihre Gemeinheiten behalten, egal, wie gutherzig ihre Tochter blieb.
Und sie, war nun ganz allein. Es dauerte ein paar Wochen, in dieser Zeit wurde der Tochter langsam bewusst, dass sie zwar alleine war, aber auf irgendeiner Art und Weise eine Last verloren hatte.
Klar, dass sie auch die Gemeinheiten lieber wieder gehabt hätte, nur nicht alleine sein. Langsam begann sie den Wald zu durchstreifen, um Ihre Kräuter aufzufrischen. Sie kannte ja nichts anders, nur dass niemand da war, der sie benötigte.

Der Zauberwald. War er wirklich kein besonderer Wald?
Also, es floss ein Bach durch ihn, an dem viele Kräuter, wie die Pfefferminze wuchsen, aber auch Wolfsmilchgewächse, gegen Warzen. Es war ein Mischwald, mit großen mächtigen Buchen, an Lichtungen großen alten Linden, Haselnussbäumen, und vereinzelt riesige Eichen, dazwischen immer wieder Fichten, Tannen und Kiefern.
Schwarzulmen fand man nur am Bach, und nur dort, wo sie genug Platz hatten. Auf den Lichtungen gab es kleinere Wiesen, und tief im Wald in einem felsigen Gelände waren die Moose und Flechten, und die Farne, die sie ebenso für ihre Kräutersammlung benötigte. Von Beeren, Salat, Wurzeln und Wildgemüsen lebte sie, die Hexe ohne Namen.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja beim Zauberwald. Jetzt war ich innen drin, nun kommt der Rand. Und hier wird es dann schon anders. Dichtes Gebüsch, mit Dornen übersät, so dass kein Durchkommen möglich war, von Außen.
Dahinter, zwischen den dichtstehenden Fichten mehrere Reihen Büsche, die auch wirklich die kleinste Lücke geschlossen haben, so dass man auch nicht ein wenig hineinsehen konnte.
Auch noch nichts besonderes, oder?
Stellt Euch einen Fuchs vor, der einen Hasen jagt. Über Felder und Wiesen, geduldig und unermüdlich. Haken schlagend versucht der Hase immer wieder dem Fuchs zu entkommen.  Er rennt auf den Wald zu, und aus lauter Not missachtet er die Dornen, und quetscht sich in das dichte, Schutz bietende Gebüsch.
Und da, er ist grade ein wenig drin, und wie von Zauberhand öffnet sich ihm eine Lücke, durch die er in den Wald entschwinden kann, ohne Dornen, so als ob jemand die Tür einladend öffnet.

Nicht alle flüchtenden Tiere gelangen unverletzt dort hinein. Und wenn man das magische Öffnen betrachtet, dann kann man ja immer noch sagen, da war halt eine Lücke, ganz zufällig. Aber verletze Tiere, die dort hinein geraten erleben dort etwas, dass nicht Zufall ist. Sie werden wieder gesund.
Nicht nur, dass dieser Wald ihnen Schutz bietet, und die Jäger fern hält, nein, Tautropfen, die richtigen Kräuter zum Fressen wachsen genau dort, wo das verletze Tier landet, und Kräuter, die dort wachsen, wo es liegt umhüllen die Wunden, und heilen sie.
So morgen erzähle ich Euch weiter. Ich muss jetzt schlafen gehen. Gute Nacht.

Wollen wir vorerst beim Zauberwald bleiben? Ach? Die Hexe ohne Namen interessiert Euch mehr.
Dazu gibt es gleich mal eine Aufgabe für Euch. Was glaubt Ihr, wie die Hexe ausgesehen hat?
Ich sage es Euch nicht, denn das liegt in jedem Einzelnen von Euch, jeder soll sich die kleine Hexe so vorstellen, wie er es denkt. Aber vielleicht helft Ihr mit, ihr einen Namen zu geben. Wartet, wartet!
Nicht so schnell, hört Euch erst die Geschichte weiter an, vielleicht hilft das mehr, ihr den passenden Namen zu geben.
All die Tiere, die in diesem Zauberwald lebten kannte sie mit der Zeit immer besser, sie konnte sie unterscheiden, wusste wo sie lebten, und war immer wieder begeistert, wenn sie neuen Zuwachs bekamen.
Ihr wisst natürlich welche Tiere dort lebten, oder?
Bambi, Klopfer waren es nicht, aber ihre Verwandten. Und die Vögel, wie der Buntspecht, der Schwarzspecht, der Eichelhäher, die Singdrossel, die immer hoch oben in den Baumspitzen ihre Trilogien sang, der Baumläufer, der flink, kopfüber den Baum hinauf und hinunter rannte. Wie es sich für einen kompletten Wald gehört krabbelten und krochen auch die kleinsten Tiere herum, wie die Ameisen, die den Wald aufräumten, die Käfer und Spinnen und natürlich auch jede Menge Schnecken.

Ach ja, die kleine Hexe, die viel mehr interessant ist….
Wenn Ihr in die Natur schaut, dann leben die dort vorkommenden Lebewesen alle in einem bestimmten Rhythmus. Morgens, wenn die Sonne aufgeht erwacht alles zum Leben, und abends wird alles leise, träge und müde. Und die kleine Hexe lebte genau nach diesem Zeitablauf. Das stärkte sie besonders gut,  gegen allerlei Krankheiten. Da sie jeden Tag draußen war, in der Natur lebte, war sie so gut wie nie krank. Manchmal; wenn sie lange unterwegs war, und zu weit weg, um beim Regen trocken nach Hause zu kommen, es zu dunkel war, schlief sie einfach auf dem Waldboden, deckte sich mit ein paar Reisigzweigen zu, und machte sich im Morgengrauen auf dem Weg nach Hause. Für die Tiere war sie nichts Ungewöhnliches, noch hatten sie Angst vor ihr, sie hatte ja auch nie etwas getan, das die Tiere scheu zu machen brauchte.
Also wisst Ihr nun, wie der Tagesablauf der kleinen Hexe war?
Und wisst Ihr auch, warum es ihr immer gut ging? Was? Ihr glaubt, sie hatte Langeweile?
Wenn man nichts anderes kennt, als den Wald, mit seinen Tieren und Pflanzen, und wenn man das Alles so gut kennt, dass man jede kleine Veränderung sieht, ob das Zuwachs bei den Hasen war, oder das erste Aufblühen des Seidelbastes im Frühjahr, die neuen Krokusse, das Leberblümchen, ob es der Sauerampfer auf den Wiesen war, für sie waren das nicht nur Veränderungen, es war das Aufwachen der Natur, nach einem langen Winter. Winter, ja da gehen wir doch mal in ihr Häuschen. Ein einziges Zimmer, mit einem kleinen Ofen, auf dem sie kochte, der das Haus erwärmte. Sie heizte mit trockenen Ästen, mit heruntergefallenen Tannen- und Fichtenzapfen, und da wisst Ihr nun auch, was sie sonst noch so machte. Im kalten Winter war sie damit beschäftigt es im Haus warm zu haben, ihre Klamotten zu reparieren, und aus dem im Herbst gesammelten Wurzeln und Beeren ihre Nahrung zu zubereiten. Oh wie langweilig denkt Ihr. Aber sie kannte sich ja mit Kräutern so gut aus, dass jedes Essen ein Spiel mit Kräutern und Gewürzen wurde, und nie gleich schmeckte. Nehmt einfach mal ein paar Wilde Möhren die Ihr an dem schwarz-roten Punkt in der Mitte der Blütendolde erkennt, natürlich sind sie sehr klein, und Ihr müsst genug sammeln, säubert sie, Ihr braucht sie nicht klein zu schneiden, und bratet sie an. An sich benötigen sie kaum Gewürze, denn ihr Geschmack ist hochkonzentriert, aber etwas bitter sind sie. Das kann man mit etwas Süßem abmildern, zum Beispiel reife Brombeeren, oder Holunderbeeren, dazu nehmt noch, das passt sehr gut, eine paar Körner wilden Kümmel und wenn Ihr habt ein frisches Salbeiblatt gehackt. Mmmmhhhh… das schmeckt. Dazu gibt’s dann noch frische Kresse, mit Sauerampfer gesäuert, und ein paar Walderdbeeren untergemischt.
Arm war sie nicht, sie hatte den ganzen Wald für sich, und konnte ab dem Frühjahr einen reichlich gedeckten Tisch hervorzaubern. Für den Winter kochte sie Säfte ein, Beerensäfte von Holunderbeeren, Brombeeren und Himbeeren, aber auch Holunderblütensaft. Wilde Äpfel, Pflaumen und Kirschen lagerte sie, oder machte daraus Marmelade. Gesüßt hat sie mit Honig aus den Bienenstöcken, die an den Lichtungen zu finden waren, Wurzeln von den Wildmöhren, aber auch Zwiebeln von wildwachsendem Lauch und sogar eine wildwachsende Knolle fand sie, die der Kartoffel sehr ähnlich war. Sie war versorgt, musste aber alles sammeln, lagern, einkochen, damit sie genug für den Winter hatte. Je mehr sie sammelte, desto mehr Auswahl hatte sie.

Auf ihren Streifzügen durch den Wald kam sie hin und wieder auch in die Nähe vom Rand des Zauberwaldes. Immer wieder entdeckte sie dort die verletzen Tiere, die sich dort hin gerettet haben. Einmal war ein fast weißes Kaninchen dabei, das wohl von einem Hund, oder einem Fuchs gebissen war. Sie nahm es mit nach Hause, versorgte die Wunde, indem sie sie säuberte und ein paar milde Kräuter  zu einem Brei mischte, die die Entzündung verschwinden ließ, aber auch gleichzeitig die Keime abtötete. Sie umsorgte das Kaninchen, das schnell spürte, dass ihm kein Leid zugefügt wurde. Als es wieder zu hoppeln begann ließ sie es wieder in den Wald hinaus. So wie der Waldrand bei den Tieren immer mehr bekannt dafür war, Schutz zu bieten, so war auch die kleine Hexe bald nicht mehr alleine. Die Tiere, die sie pflegte verschwanden nicht, sondern fanden in der Umgebung des Häuschens ein neues Zuhause.

Ich kann Euch jetzt allerlei vom Leben der kleinen Hexe erzählen, aber wie es so ist, nicht überall bleibt es bei dem Märchenhaften. Eines Abends fand sie am Bach einen Mann, schwer verletzt, der sich irgendwie vom Rand des Waldes bis zum Wasser geschleppt hatte. Scheinbar war er auf der Flucht vor jemanden, oder irgendwo heruntergefallen, und lag nun da, mit vielen Wunden. Ein Mann, so etwas hatte sie noch nie gesehen. Ihre Mutter, war der einzige Mensch, den sie je gesehen hatte. Sie betrachtete ihn neugierig, aber wusste auch, dass sie ihre Heilkunst erst einmal anwenden musste. Es dauerte ein paar Tage, bis sie ihn von dem Fieber erlösen konnte, Alantwurzel, Tee von Kiefernharz und Lindenblüten sind zwar mächtig, aber es dauert eine Zeit, bis sie vollkommen das Fieber senken. Die Wunden gehörten genauso von Entzündungen befreit, zusätzlich reichte sie ihm warmen Holundersaft, mit einem Sud aus Möhren und Wurzeln, der ihn stärken sollte.
Ruhe und langsames Stärken, und gleichzeitiges Heilen der Wunden half dann auch, und nach zwei Wochen konnte er wieder laufen. Auch er war neugierig, wer sie wohl war, so alleine im Wald lebend, und merkte auch bald, dass sie keinen Bezug zu der Welt hatte, die er kannte. Sie konnten sich zwar unterhalten, aber sie wusste was im Wald vor sich ging, er dagegen nichts davon. Aber sie war auch neugierig, und fragte ihn so aus, über seine Welt, und lernte, dass es noch andere Menschen gab, die in Dörfern und Städten wohnten.

Was glaubt Ihr, wie geht die Geschichte weiter? Sie geht mit ihm, oder bleibt er bei ihr?

Gut wäre es, wenn sie mit ihm dort bliebe, er sich so an den Wald anpasst wie sie, und nichts  einwirken kann, was ihr schaden könnte.  Aber leider war es nicht so.
Er nahm sie mit in seine Stadt. Nicht gleich, denn sie war bei ihrem ersten Besuch so geschockt, dass sie fliehend in den Wald zurück rannte.
Kurze Besuche, die er mit ihr in seiner Stadt machte eröffneten ihr seine Welt. Die Welt des Verkehrs, der Hektik, des Kaufens, und neuartiger Küche. Es dauerte einige Jahre, bis sie sich daran gewöhnte.

In dieser Zeit war sie immer wieder in ihrem Wald, erneuerte ihre Kräuter, und wie es jedem klar sein wird, wandte sie ihre Heilkunst bei anderen Menschen an. Sie wurde bekannt, und immer mehr Leute kamen um Hilfe bittend. Der Mann aber war davon nicht so angetan, immer weniger Zeit hatte sie für ihn, so sehr sie sich auch bemühte, jedem alles Recht zu machen, die Zeit war einfach zu wenig. Irgendwann, sie war mal wieder so erschöpft ins Bett gesunken, sagte er ihr, er könne es kaum noch ertragen, dass sie so fertig ist. Er versuchte zu verstehen, dass sie allen helfen wollte, dass das ihre Art war, sie nicht anders konnte. Aber er sehe nicht ein, dass sie dabei kaputt geht. Es täte ihm leid, dass er sie in seine Welt mitgenommen hatte. Er verstand sie dennoch nicht. Draußen, in ihrem Wald war ihre Heilkunst nur hin und wieder von Nöten, aber hier gab es so viele, die Hilfe brauchten. Es war fast so, als ob diese Welt die Menschen so krank machte. Sie versuchte nicht nur zu heilen, sondern den Menschen aufzuzeigen, dass andere Dinge, als Fernseher, als Geld und Reichtum, als Partys und Fun gab, die viel schöner waren. Sie erzählte von den Dingen, die sie erfreuten, machte ihnen mit der wunderbaren Gabe, Euphorie und Gefühle zu mischen, schmackhaft, wie schön es in der Natur sei. Leider waren die Menschen so angekettet, krallten sich so an ihre Welt, dass sie nicht sehen konnten, wo sie lebten. Hier auf der Erde.
Ich weiß, Ihr werdet mich jetzt anschauen, als ob ich lügen würde.  Aber Ihr könnt mir glauben, wenn ich Euch sage, ein Schmetterling, der eine ganze Stunde auf Eurem Kopf sitzen bleibt, oder aus nächster Nähe einem Hirschen zu begegnen ist wertvoller, als die beste Show im Fernsehen, als das beste Computerspiel. Dort seid Ihr nur Zuschauer, von Dingen, die vielleicht gar nicht existieren. Ja sie sind vielleicht spannend, aber wenn Ihr in die Schule geht, oder unter Freunden seid, dann seid Ihr mittendrin, und wisst vielleicht gar nicht wieso jemand so zickig ist, oder jemand sich alles gefallen lässt, Ihr könnt nicht einmal erkennen, wer es gut meint, oder warum sich die Menschen so unterschiedlich verhalten.

Die kleine Hexe, die gar nicht mehr so klein war, hatte durch ihr Leben im Wald, mehr gelernt, konnte genau erkennen, wenn es jemand ehrlich meinte, oder wann einer kurz davor war gemein zu werden.
Sie konnte zwar nichts dagegen tun, aber sie sah es. Und da, in solchen Situationen, wenn sie wieder erlebte, wie jemand log, oder gemein war, wuchs etwas in ihr, das sie zuerst nicht bemerkte. Es war nicht nur eine Abneigung gegen dieses Verhalten, obwohl sie immer half, spürte sie, dass solchen Menschen nicht geholfen werden konnte. Sie waren so eingefleischt in ihre Welt, dass die Hexe ohne Namen ihnen nicht helfen konnte. Sie litt darunter so sehr, dass sie bald beim Heilen so sehr in Gedanken war, darüber wieso diese Menschen nicht weiter konnten, dass sie unkonzentriert sich um die Menschen, die sie um Hilfe baten kümmerte. Wie zuvor schon gesagt, das  Zuhören ist ein wichtiger Punkt, bei uns allen, wenn uns zugehört wird, dann fühlen wir, dass wir wichtig für den Anderen sind.  Wir werden geachtet, und unsere Probleme sind nicht mehr nur unsere eigenen. Die Hexe aber konnte bald nicht mehr so gut zuhören, zu viel war in ihrem Kopf, das ihr wichtig schien. Warum waren die Menschen nur so gemein, warum hatten sie Angst, ihr Herz zu zeigen, warum lügen sie, warum wollten sie immer nur haben, und haben, aber keiner wollte etwas geben?
Immer öfter zog sie sich zurück, denn jedesmal, wenn sie auf Menschen traf, sah sie es wieder, dieses unverständliche Verhalten.
Und wo waren diejenigen, die ihr zuhörten? Nur sehr selten traf sie auf jemanden, der zuhören konnte, der sie verstehen konnte, das verstand, was ihr so am Herzen lag.
Aber diese Menschen waren so wenig, und die anderen so viel, die Zuhörer brauchten, die ihre eigenen Probleme von Anderen erledigen lassen wollten.

Wie es nun mal unter uns Menschen so ist, verlor die Hexe immer mehr an Zustimmung, was sie noch mehr belastete. Fast jeden Tag weinte sie innerlich, denn ihre Aufgabe schien sie nicht richtig erfüllen zu können, ihre Aufgabe, ihr Wunsch, den Menschen zu helfen. Die wenigen, die noch blieben waren zum Großteil die, die wirklich nicht aus eigener Kraft aufstehen konnten, ob jetzt körperlich, oder seelisch. Nur ein paar Freunde, die trotzdem sie in ihrer Welt lebten, die Welt der Hexe anerkannten, und auch zuhören konnten waren geblieben. Der Mann aber, obwohl er sich so sehr bemühte, verstand nichts von all dem. Und so war es auch immer weniger, was die Hexe ihm erzählte, immer wieder Unverständnis erntend. Sie hätte sich so gerne ausgesprochen, aber erkannte bald, wie fruchtlos es war, ihm zu erzählen, wie seine Welt krank war.
Weinend lief sie eines Tages vor dieser grausamen Welt in ihren Wald, als er im Streit zu Ihr sagte, sie soll doch endlich auf den Boden der Tatsachen kommen, und die Welt so akzeptieren, wie sie ist.
Er verstand nichts, sah nur Besitz und falsche Anerkennung in der Gesellschaft als erstrebenswert an, und sie hatte immer gehofft, er verstünde es, er könnte sehen, was dort im Wald aufgezeigt wurde, das, was wichtiger ist, als ein neues größeres Auto.

Keiner von Euch kann abstreiten, dass es ihm nicht wichtig ist von den Anderen akzeptiert zu werden, jeder von Euch legt ein Verhalten an den Tag, um irgendwie anerkannt zu werden. Ob es nun auf die lustige, komische Art ist, oder im Befehlston, ob ihr jemanden anschreit, oder herum zickt,  es ist Euch wichtig, dass man erkennt, dass Ihr da seid. Ich sehe es doch, wie Ihr dort hinten neidisch seid, dass diejenigen vor Euch mehr sehen können, ich weiß, dass  es nicht leicht ist, jedem alles Recht zu machen, gerade dort, wo sich viele aufhalten. Man kann die Plätze tauschen, man kann jemanden den Vortritt lassen, und das ist es, was Ihr lernen solltet, Ihr möchtet gerne, dass jemand Euch achtet, aber könnt Ihr jemanden achten?

Die Hexe ohne Namen war jedenfalls sehr traurig. Sie hatte etwas kennengelernt, eine Welt, in der es kaum Herz gab. All ihre Kunst, versagte, und je mehr sie sich bemühte, desto schwieriger schien es zu werden, desto erfolgloser war Ihre Heilkunst.
Immer länger waren ihre Zeiten im Wald, die ihr zwar wieder innere Ruhe gab, aber sie hatte nun diese unwirtliche Welt kennen gelernt.  Wenn jemand an einem Ort lebt, an dem es friedlich zu geht, nichts anderes kennt, dann ist er glücklich und zufrieden. Sobald er aber anderes sieht, und dort Gewalt, Streit und Unzufriedenheit erlebt, weiß er nicht mehr, wo die wirkliche Welt ist. Ist sie dort im Wald, oder bei den Menschen im ganzen Land, die ihr ganzes Leben darum kämpfen glücklich zu werden, oder manche es so sinnlos ansehen, dass sie anderen ihr Glück nehmen wollen?
Sie wurde krank, und nicht einmal ihre besten Kräutersäfte konnten ihr helfen. Die Begrüßungen der Tiere im Wald brachte sie zwar zum Lächeln, aber es war ein trauriges Lächeln. Auch der Mann konnte sie nicht aufmuntern, sie lag da, hilflos, aß kaum etwas, und wurde immer schwächer. Die Hexe ohne Namen war so unwichtig geworden, wie der Namen, den sie nie hatte.
Der Mann pflegte und hegte sie, wochenlang, gab alles auf, was ihn an seine Welt band, und trotzdem wurde sie immer schwächer. Sie sprach kaum noch etwas, war so verzweifelt, über ihre Unfähigkeit, Licht in diese dunkle Welt scheinen zu lassen.
Was glaubt ihr, wie man die Hexe ohne Namen retten kann?
Schaut Euch um, wer ist alles hier? Wer genau, wie ist die, oder wie ist der dort? Kann einer von Euch mir nicht sagen, wie man die Hexe retten kann? Nein, schiebt das nicht auf den, oder den, ich frage Euch alle, wie?
Wenn Ihr Antworten habt, dann lasst es mich wissen!

Solange jedenfalls werde ich Euch nichts mehr über die Hexe erzählen.

Dietmar Langhammer
Tannenweg 3
82538 Geretsried