Das Piano

Ich bin eingeladen worden, zu einem künstlerischen Treffen.
Eine Reporterin begleitete mich am Abend, wir waren früh dran.
Als wir durch das Foyer eintraten, um in den für uns bestimmten Raum zu gelangen, war ich ganz aufgeregt. Die Tür war bereits offen und als Zeichen der Einladung durchschritten wir sie. Sofort hatte ich den Eindruck, wir befänden uns im falschen Raum, sagte aber nichts.
Als ob es ein Requisitenlager für alte Möbel sei empfing uns, nachdem wir drei Stufen hinabgegangen waren ein Meer an Antiquitäten.

Überall waren alte Stühle und Tische aufgestellt, Sofas und Schränke und einige Klaviere.
Ganz hinten dann, eine kleine Bar, an der ein Kellner stand und Gläser polierte.
Es habe noch nicht begonnen, gab er uns zu verstehen, bat uns aber unseren Getränkewunsch zu äußern.
Direkt  vor der Bar war eine große Sitzecke zusammengestellt, alte Sofas, einige Sessel waren mit kleinen Tischen zwanglos gruppiert.
Die Möbel waren alle in einem guten Zustand, man sah ihnen aber das Alter an, es roch danach, auch wenn der Raum gut belüftet war.
Der Raum war so groß, dass alle Möbel geräumig Platz hatten, nicht aufeinander gestapelt waren, und man bequem durch die Reihen gehen konnte.
Gleich links von der Treppe stand ein, in schwarzem Klavierlack gehaltenes Teil, langgezogen, länger noch als ein Flügel, aber wesentlich schmäler, hatte aber an seiner Front auch eine Klappe, wie beim Klavier.
In der linken Mitte der Halle standen sich Rücken an Rücken zwei Pianos, eines davon in einem eichenfarbigen Furnier, das Andere, es schien das einzige neue, moderne zu sein, in einem Mahagoni Klavierlack, mit abgerundeten Kanten.
Dahinter stand so etwas, wie ein Flügel, ebenso in einem helleren Braunton.
Dazwischen überall Stühle mit unterschiedlicher Polsterung, mal Goldfarben, mal Bordeaux-Rot, ein paar Kommoden und jede Menge Tische und Tischchen.
Bei den Klavieren standen Bänkchen, zum Großteil zu hoch oder zu niedrig für mich.

Langsam kamen auch die anderen Gäste, international, wie ich feststellte.
Ein Langer, ich glaube aus Frankreich, zwei aus Österreich, drei aus der Schweiz, Deutsche, Amerikaner, und man sah ihnen gleich an: Künstler, Querdenker.
Sie begrüßten sich, stellten sich vor, schienen sich aber alle nicht zu kennen.

Es wurde lauter, sie diskutierten miteinander die unterschiedlichsten Themen.
Bisher hatte ich aber nicht den Grund für dieses Treffen herausfinden können, so wie mir schien, ging es um die Zukunft, ja, es sollte wohl irgend eine Petition verfasst werden, oder so etwas Ähnliches.
Der Franzose war jemand, der zu allem Kontra gab, und als schließlich am Computer, der in der Nähe der Treppe auf einem langen Tisch stand, irgendetwas verfasst wurde, beschwerte er sich, dass alles in Englisch geschrieben wurde.

Ich hielt mich aus dem Geplänkel heraus, sah noch wie die Journalistin mit dem Franzosen diskutierte und sagte, dass ich jetzt Klavierspielen würde.
Einen sehr komischen Blick erntete ich von ihr, aber kein Wiederwort.

Als ich dann vor dem alten Piano stand, das Rücken an Rücken zu dem Modernen gestellt war, passte mir das Bänkchen nicht, es war zu niedrig. Ich suchte eine passende Sitzgelegenheit, konnte mich aber nur mit einem Baumstumpf zufrieden geben. Ich machte die Klappe auf und war überrascht. Es war kein Klavier, sondern ein Harmonium. Na gut, dachte ich mir, nehmen wir das Moderne. Die Klappe auf, und noch mehr überrascht. Jetzt wurde ich auch von den Anderen beobachtet. Statt der Klaviatur, den schwarzen und weißen Tasten, waren in einer Schublade unterschiedliche Utensilien angebracht, ein Multi-Schweizer Messer, altes Silberbesteck, Plastikbesteck, immer in Dreiergruppen, Messer, Gabel, Löffel gelegt, die am Ende mit einer Seilmechanik eine Tastatur ergaben. Beim Anschlagen des Bestecks verrutschte dies immer wieder, es war nur hineingelegt, nicht befestigt.
Ich musste es mit einer Hand festhalten, um auf ihm spielen zu können. Unmöglich etwas Zusammenhängendes zu kreieren. Also wieder nichts, ich hielt noch das Schweizer Messer in die Höhe, das ich soweit hinausziehen konnte, um es den Anderen zu zeigen.
So, dann gehe ich halt an den Flügel.

Oh, wie wunderbar, eine ganz normale Tastatur.
Ich schloss die Augen und schlug die erste Taste an.
Kein Ton. Noch eine...., noch eine......, wieder kein Ton.
Ich machte den Deckel auf, und fand keine Saiten darin.

Mist, dachte ich mir, was soll ich hier, das kann doch nicht sein, 3 Klaviere, nicht spielbar.
Ich ging wieder zur Treppe, wo dieses ungewöhnlich lange Teil stand.
Auch hier eine Klappe, wenn auch recht schmal.  Vorsichtig öffnete ich die Klappe, und fand eine Klaviatur vor, aber so schmal, dass sie nur eine Oktave breit war.
Zweihändig spielen also nicht möglich, und als ich sie anschlug waren nur die tiefen Töne zu hören. Ich schaute mir dieses Piano genauer an und entdeckte eine Vielzahl von Knöpfen auf einem Panel, neben den Pedalen, die mit dem Fuß zu betätigen waren. Ich probierte sie aus und stellte fest, damit kann man die einzelnen Oktaven einschalten, aber immer nur so, dass nur eine Oktave zu spielen war. Wer erfindet so etwas?
Den Deckel etwas anhebend sah ich darunter auch die Mechanik, die Saiten waren aus verschiedenen Schnüren und Kordeln zusammengesetzt, brachten aber die bekannten Töne eines Klaviers zustande.
Was sollte das? Will man mich veräppeln? Man hat mich hier eingeladen, und ich soll auf diesen Unmöglichkeiten spielen?
Wütend und schweißgebadet bin ich dann aufgewacht, und habe darüber nachgedacht.
Im darauffolgenden bewussten Träumen wurde mir dann klar, das eigentliche Klavier stand im Nebenraum.
Ich musste unbedingt spielen, um die hitzigen Diskussionen zu beruhigen, um diesen Menschen, die sich Künstler nannten eine andere Sichtweise zu zeigen, um sie von ihrem hohen Ross herunter zu holen.
Da gab es ruhigere aber auch sehr streitlustige, jeder war von sich so überzeugt, und es gelang niemanden so richtig, von seinen Ansichten wenigstens ein paar Millimeter zu weichen.
Mein Spiel sollte aber nicht nur zusammenführen und beruhigen, sondern auch verdeutlichen, wie man miteinander umzugehen hat.
Irgendwann bin ich aber dann doch traumlos eingeschlafen.
Beim ersten Aufwachen aus dem Traum war ich hellwach, nicht erschöpft, es war alles so klar, ich hätte fast jedes Detail, auch die Gespräche wiedergeben können.

Es ist mir nun aber nicht mehr möglich, die einzelnen Personen zu beschreiben, ich kann nur das Gefühl aufzeigen, dass der gesamte Abend entstehen ließ.
So war die Hitzigkeit unter den Gästen für mich so unerträglich, dass ich mit meinem Klavierspiel unbedingt eingreifen wollte. Meine sphärische Musik sollte sie wieder von ihrer Abgehobenheit zurückholen, sollte ein Gegenpol werden. Nicht, dass ihre Ansichten und Meinungen falsch waren, alleine die Art und Weise machte mir zu schaffen. Hinzu kam, dass sie wohl ihr gut gemeinten Ideen zwar geäußert haben, und das in heftigster Weise, aber bei den meisten Diskussionen dieser Art nur Heiße Luft herauskam, an der eigenen Ausführung aber scheiterten.
Man wollte die Welt verändern, zumindest hier an diesem Abend, im gleichen Atemzug trugen sie durch ihre Herzlosigkeit und Unfähigkeit andere zu akzeptieren bei, dass die Hauptgründe, die beiden ebengenannten, nicht erkannt wurden.
Die Hauptgründe all der Probleme und Unstimmigkeiten, die sie ja so intensiv ankreideten.

Ich weiß nicht ob ich gespielt habe, nur die Erkenntnis, dass im Nebenraum ein richtiges Klavier stand beruhigte mich, konnte ich dann doch meine Aufgabe vollziehen, die ich für diesen Abend hatte.
Jetzt im Nachhinein denke ich, mein Klavierspiel ist wie das Löschen einer brennenden Ölquelle, eine Explosion, die den heftigen Wirtgefechten den Sauerstoff entziehen kann.
Überall sehe ich, erkenne ich dieselben Handlungen der Menschen. Sie wollen nur die Symptome behandeln, das, was sie objektiv sehen und kritisieren, aber sie gehen keinen Schritt weiter und hinterfragen das Warum, das Wieso.
Und wenn sie es tun, dann höchstens einen Meter davon entfernt, mit der Lupe, nicht mit dem Weitblick eines Adlers, der viel mehr zu sehen vermag, und auch weit entfernt, nicht nur förmlich auch zeitlich umfassend erkennt, wie alles entstanden ist.
man kann in der Geschichte Schritt für Schritt zurückgehen, jedes Ereignis hat seine Ursachen weit in der Vergangenheit und wirft ebenso seinen eigenen Schatten weit voraus. Jedes! Und wir vergessen immer wieder davon auszugehen, sehen, und wollen nur sehen, wenn diese oder jene Person jetzt im Augenblick so gehandelt hat.
Meine Musik ist eine einfache, aber sie trifft den Rhythmus in uns, den, den wir nicht mehr haben.
Sie erzeugt Schwingungen, vergleichbar in etwa dem beruhigenden Hin- und -Her-wippen eines Kindes, dem Summen, das ganz unbewusst bei konzentrierter Arbeit auftauchen kann. Es ist egal, ob alt, ob jung, oder welchem sozialen Status der Zuhörer angehört, die Musik berührt jeden.
Das mag überheblich klingen, und sicherlich ist meine Musik auch nicht der Geschmack eines jeden. Ob Jugendliche, die damit gut abchillen können, ob Kinder, die sie beim Spielen mit Legos immer aufgelegt haben wollen, ob ein kleines Mädchen sie Engelsmusik nennt, oder einige Klangteppich, für die meisten ist sie einfach nur beruhigend.
Geschäftsleute aus aller Welt empfinden sie als Wellness nach stundenlangen Meetings, manche fühlen einen Gegenpol zum Alkohol, zu Streitigkeiten mit ihren Partnern, labilen Menschen, und psychisch Erkrankten ist die Musik eine Entlastung, ein von der eigenen Seele reden.
Manche bedanken sich nach einer Taxifahrt, wenn sie aus dem Krankenhaus entlassen wurden, oder erst eingeliefert werden, oder nur einen Krankenbesuch gemacht haben, vielen Menschen hat sie schon geholfen.
Wichtig zu erwähnen ist, dass die Musik im Auto abgespielt, niemals so laut ist, wie live gespielt, wenn ich all meine Empfindungen auslebe.
Je nachdem, wie laut oder leise sie angehört wird, kann sie beruhigen, oder aufbauen, beides aber in einem Rhythmus, den ich als seelisch und körperlich den Rhythmus des Herzens bezeichne.
Nicht so sehr ein musikalischer, den beherrsche ich nicht.